Konzertbesprechungen
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Balagan (Berlin, 23.8.17) - Berlin Beat Explosion (Berlin, Tag 1: 15.9.17, Tag 2: 16.09.17) - Black Lips (Berlin, 4.11.17) - Nick Cave & The Bad Seeds (München, 2.11.17) - Kid Congo & The Pink Monkey Birds (Berlin, 15.11.17) - Demon's Claws (Berlin, 23.8.17) - The Diamond Family Archive (Berlin, 17.10.17) - Einstürzende Neubauten (Berlin, 14.11.17) - The Fuzztones (Berlin, 3.11.17) - Ghost Lee (Berlin, 3.11.17) - Lianne Hall (Berlin, 17.10.17) - The Membranes (Berlin, 6.9.17) - Fee Reega (Berlin, 17.10.17) - The Roaring 420s (Berlin, 16.9.17) - Ty Segall (Berlin, 24.8.17) - Saba Lou (Berlin, 4.11.17) - The Stangs (Berlin, 16.9.17) - The Urges (Berlin, 15.9.17) - The Wrong Society (Berlin, 15.9.17)

Mi. 15.11.17

Kid Congo & The Pink Monkey Birds - Berlin, Urban Spree (ca. 120 Zuschauer)
Er war hübsch, er war jung, er war sympathisch, er war da: Der Chicano Brian Tristan in den späten 70ern LA's. Er konnte nichts, doch sie brachten es ihm bei. Und der Rest ist Historie. Ich hätte nicht wirklich gedacht, dass er alleine klarkommt, doch die Pink Monkey Birds sind ein hervorragende Band in ihrer zweiten Inkarnation, denn The Kid folgte seinem Lebensgefährten wegen dessen Job ans andere Ende der Staaten.
Doch auch die Ostküsten-Version der Birds funktioniert herausragend und lässt den guten Mann in seinem Draculaumhang und der Schmiere im Gesicht wunderbar dastehen. Er macht nicht viel ausser einen schlitzohrigen Entertainer zu geben, lustig und nicht aufgeblasen, aber die Songs sind abwechslungsreich und meist erlesen durcharrangiert/instrumentiert. Ein sehr schönes, unterhaltsames Konzert.
(Ralf, 15.1.18)

Di. 14.11.17

Einstürzende Neubauten - Berlin, Columbiahalle (viiiiel zu voll!!!)
Die Ironie springt ja geradezu durch einen durch: Greatest Hits der Einstürzenden Neubauten!
Folglich aber: Ist die erste Platte, die ich mir nicht kaufen werde. Für ein paar Remasters?!? Dennoch: Hat wohl einen ganz schönen Rummel ausgelöst, denn zum ersten Mal seit den 80er Jahren konnte ich mich auf einem Neubauten Konzert nicht frei bewegen. Als ich zu den Zugaben nach hinten ging, wurde erst klar WIE unerträglich voll das war. Quasi bis zum Ausgang standen die Leute total gequetscht. Ich möchte nicht wissen, wieviele zugelassen sind, aber 200-300 Leute hätte man mindestens draussen lassen müssen, um wenigstens hinten etwas Luft zu haben. Für 20 Euro hätte ich mich so vielleicht noch zufrieden gegeben, aber für FÜNFZIG ... !!! Dabei hatte ich eh lange überlegt, wie ich so nen Eintrittspreis vor mir selbst rechtfertigen könnte.
Und wenn man dann im Gespräch nach dem Konzert Urteile hört wie: ".. das kracht einfach nicht mehr" oder "die Leute sind ja kaum abgegangen" oder während des Konzerts wieder hunderte von laut quatschenden oder verzweifelt partygeilen Leute ertragen muss, dann merkt man, dass die Werbetrommel wieder mal die Halbinteressierten mit auf den Plan gebracht hat.

Bitte hier ein beleidigendes Wort Eurer Wahl eintragen, für Menschen, die 50 Stutz für ein Konzert bezahlen das sie nicht interessiert oder sie keinen Blassen haben, was sie erwartet und deswegen hinterher enttäuscht sind (und dies auch noch lauthals kundtun):

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Aber selbst wer 1994 das letzte Mal auf einem Konzert war, wie unsere Gesprächspartner im Raucherhof, sollte sich erinnern können, dass schon damals keine Wände mehr durchbohrt wurden und keine glühenden Späne ins Publikum schossen. Die Verfeinerung ihrer Methoden haben die Neubauten vom ersten Tag bis heute konsequent verfolgt und sind damit nachwievor die Front der Anarchisten und Avandgardisten der deutschen populären Musikkultur. Mir gerade recht, wenn alle, die davon nichts wissen wollen, sich die nächsten 20 Jahre wieder mit anderen Dingen beschäftigen und Techno oder Nick Cave hören. Wer bei den Neubauten Gefahr und Chaos sucht, hat definitiv übersehen, dass wir 2017 haben.
Der Preis, die schlechte und völlig überfüllte Location und die uninteressierten, störenden, aber auch vom Sardinenleben genervten Leute beiseite gelassen, sahen wir die Neubauten letztlich unverändert. Ich fand es wie immer richtig super. Wie öfter brauchen sie ein paar Songs um richtig in den Fluss zu kommen, das Timing wackelt vielleicht sogar etwas, die Intensität baut sich erst auf. Doch spätestens nach einer halben Stunde hat man das vergessen, dann ist es ein Gewitter, voller knisternder Spannung, explodierender Stille und dem erleichternden Ausbruch, kontrolliert aber immer spannend. Es langweilt mich, wenn ich wieder mal erzähle, dass sie seit 30 Jahren meine Lieblings-Liveband sind und ich sie wenigstens einmal im Jahr sehen muss, um meine Grundzufriedenheit zu wahren. Diese Zufriedenheit allerdings wird in Gefahr geraten, sollten sich Neubauten Konzerte weiterhin in diesem Preissegment abspielen. Dann bin ich raus.
(Ralf, 30.11.17)

Sa. 04.11.17

Black Lips, Saba Lou - Berlin, Festssal Kreuzberg
Ich weiss noch, dass ich die ersten beiden Alben der Black Lips damals in den USA bestellte, weil die noch nirgends in Deutschland zu kriegen waren. Das ist etwa 13 Jahre her. Beim Konzert heute standen neben meiner Begleiterin Li zwei ekelhaft tanzende und debilst gut gelaunte Mädchen, die damals Hemd und Hose noch an einem Stück hatten.
"Du kannst das bloss nicht aushalten." sagte Li auf meinen Kommentar, den ich hier nicht in Worten wiedergeben möchte und da man Worten Taten folgen lassen soll, zertrat ich einen der Luftballons mit der Aufschrift "Black Lips", die hier fröhlich durch die Menge gestupst wurden.
Ich bin mir noch niemals zu alt auf einem Konzert vorgekommen, aber am falschen Platz schon. Dass ich auf einem Konzert einer Band, die ich eigentlich liebe, am falschen Platz sein könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Nun gut, eigentlich war der beginnende Hype um die Band der Grund, dass ich mich mit ihnen unwohl fühlte, weswegen die letzte Platte, die ich mir kaufte, dann auch gleich die dritte von 2005 war. Wenn man bedenkt, dass sie nun bei der achten Platte angekommen sind, war ich vielleicht tatsächlich der schlecht informierteste Gast im Saal.
Als ich die Black Lips das letzte Mal sah, waren der Drummer und der Gitarrist noch andere Leute und jetzt haben sie zusätzlich eine Saxophonistin, für deren Teilnahme es (abgesehen davon, dass sie die Freundin von Cole ist, wie ich später erfuhr) keinen offensichtlichen Grund gibt. Sie passt weder optisch noch musikalisch ins Bild. Die beiden anderen sind ok, auch wenn der ehemalige Drummer Jack natürlich nicht nur eine Live-Augenweide sondern auch ein wichtiges Sprachrohr der Band war.
Tatsache aber ist, dass die Jungs völlig unverändert sind. Der Erfolg scheint ihnen nichts anzuhaben. Jared und Cole, die, als alte Schulkumpels, eigentlich immer schon der innerste Kern der Band waren, sind noch genauso jugendlich unprätentiös und verspielt wie vor über 10 Jahren und wenn ich jemals einer Band gegönnt habe, berühmt zu werden, dann ihnen, auch wenn ich es niemals erwartet hätte, da ihr Sound so kaputt ist (weiss ja nicht, ob das auf den Platten immer noch so wüst klingt, schätze aber nicht, dass das extrem anders geworden ist).
Was für mich ebenfalls total unerwartet kam, ist, dass die Black Lips zu Stilikonen einer ganzen Generation wurden. Kids weltweit haben Teile ihres Kleidungsstils übernommen, Bands ihre ungestüme, unverbrauchte Art, sogar die hüppelnden Bewegungen und, dass die Gitarren wieder oben gehalten werden. Den Anfang dazu haben die Black Lips gemacht und die tun das, weil sie die Musik der 60er lieben und in den 60ern haben die Bands die Gitarren eben oben gehabt. Musikhistorie für Indie-Kids von heute (hüstel).
Tja, und nun steht man da, sieht ein paar Jungs auf einer Bühne und es fühlt sich an, als hätte man alte Freunde wiedergetroffen, die nun aber zur High Society gehören, the New Beautiful Kids. Eine Geschichte wie aus dem Kino: Vom Tellerwäscher zum Millionär, nur dass der Millionär wohl noch auf sich warten lassen muss.
Angesichts der Sympathie zur Band, deren Bodenständigkeit und der Einzigartigkeit ihres Schaffens, das sich auch nach dem Hype nicht verändert hat, gibt es aber nichts zu meckern. Da muss man dann halt mal auf die Zähne beissen und 14jährige Mädchen ertragen, die tanzen wie in der Disco und am nächsten Tag bestimmt auch wieder in ihre Disco zurückgegangen sind.
Wahrscheinlich alles halb so schlimm. Aber ich war hier definitiv fehl am Platz. Ein merkwürdiges Gefühl. Vor ein paar Monaten musste ich mich mal von einer 20jährigen anschnauzen lassen, der ich auf einem Konzert in einem besetzten Haus im Weg stand. Das ist, als würde eine respektlose Göre Jimi Hendrix in Woodstock auf den Stiefel latschen und ihn dann noch deswegen anpfeifen. Also nicht, dass ich mich mit Jimi Hendrix vergleiche oder der Meinung bin, ich wäre ein wichtiger Teil einer Szene (wobei jeder einzelne ein wichtiger Teil einer Szene ist), nein, es geht um das Gefühl, auf dem eigenen Grund und Boden nicht mehr willkommen, zumindest fremd zu sein. Und das wird jeder von Euch kennen.
Das Publikum der Black Lips ist einfach zu 99% anders als vor 10 Jahren. Ein kompletter Austausch. Und sowas ist doch eigentlich schon eigenartig, oder?
Und wie die anderen 99% hätte ich mir das sogar nicht mal angetan, hätte nicht Arish Khans Tochter Saba Lou den Support gegeben. Ich war etwas erstaunt, sie hier mit Band zu sehen, da sie zuletzt in Köln noch ganz alleine mit einer halbkaputten Akkustikgitarre am Werk war. Offen gesagt, gefiel mir das sogar besser, da dies wesentlich mehr Charm hatte. Der erste Song gefiel mir noch super, doch schon am dem zweiten wurde es mit jedem Song etwas fader, da die Band die Songs zu gleichförmig interpretierte. Da fehlte ein wenig Pepp, Feuer und Abwechslung.
(Ralf, 7.11.17)

Fr. 03.11.17

The Fuzztones, Ghost Lee - Berlin, Bassy Cowboy Club (ca. 350 Zuschauer)
Man kann von Rudi "The show starts when you leave the van" Protrudi und seinen Fuzztones halten was man möchte, aber das hier war ein RICHTIG geiles Konzert. Die Band spielt wie aus einem Guss und einige der neuen Songs sind absolute Knaller. Hier ist noch lange nicht die Luft raus. 51 Jahre nach Rudis Bühnenpremiere, 37 Jahre nach Gründung der Band, die in den 80ern das Neo-60s-Revival angezündet haben, einige richtige Superhits hatten und zwischenzeitlich sogar bei RCA landeten.
Ihr Stil und ihr Image waren prägend für Generationen und sind es heute noch, denn was wären die Fuzztones ohne die schwarzhaarigen Typen, die Leder- und Steinzeitfell-Jacken, die Knochenketten und das Logo mit dem Totenkopf und den gekreuzten Vox-Gitarren. Die Fuzztones haben ihr eigenes spezielles Trademark, in Klang und Bild.
Seit geraumer Zeit residieren sie in Berlin und Rudi hat eine exzellente Band zusammen. David Thorpe ist ein Bassist, ohne dessen Fähigkeiten einige der neuen Songs überhaupt nicht möglich wären. Wenn man ihm zusieht fallen einem die Augen raus und auch wenn technisches Können für mich kein Gradmesser ist, hier ist es absolut in den Dienst der Songs gestellt, die ohne dieses Spiel nicht funktionieren würden. Und das harmoniert perfekt mit Rudis Gitarre und seiner erstklassigen Stimme. Diesem Lineup ist noch einiges zuzutrauen, Leute, auch wieder im Studio.
Und über die Livequalitäten der Band brauchen wir nicht zu diskutieren. Nochmal: Man mag von seiner Art halten, was man möchte, aber er hat das Charisma, das heute vielen Bands fehlt und die Kids springen nur allzugerne auf den Wagen auf, um dem grossen Mann in die finstere Höhle zu folgen, in der die Fuzztones ihre Ideen brauen.
Dafür konnten Ghost Lee die hochgesteckten Erwartungen anhand des vorab im Internet veröffentlichten Videos leider nicht ganz erfüllen. Der psychedelische Trip und die Referenzen an die Garage waren nur sporadisch zu spüren, die Kompositionen nicht durchgehend interessant, der Klang der Band ziemlich anders als erwartet.
Leider war der Sound im Bassy auch wieder mal weniger als unausgegoren. Das Gewirble des Drummers war viel zu aufdringlich, die Gitarre in ihren Facetten nur zu erahnen und den Theremin konnte man beim ersten Einsatz überhaupt nicht hören. Sowas trübt das Erlebnis dann doch enorm, gerade wenn man dabei ist, die Qualitäten einer Band erst mal kennenzulernen.
(Ralf, 4.11.17)

Do. 02.11.17

"LISTEN" ... to the Prayer
- Nick Cave & the Bad Seeds zelebrieren in München elektrisierte Ekstase -

Nick Cave & the Bad Seeds - München, Zenith (ausverkauft, vielleicht 7.000 Besucher?!) Foto: B.B.
Nick Cave schafft es spielend bis zu 10.000 Menschen zu seinen Konzerten zu bewegen. So auch in München. Die Show war lange vor Termin ausverkauft und hätte ich nicht auf verschiedenen Kanälen und Portalen nach Karten gesucht, wäre dieser sakrale Moment ohne mich zelebriert worden. Neben professionellen Ticketdealern, offensichtlichen Betrugsversuchen und einer positiven Überraschung wurde ich zusammen mit meiner Begleitung, die die Initialen B.B. trägt, dann doch noch fündig und wir dürfen nun Zeugnis ablegen, ob dieser Herrlichkeit.

Mit etwas Verspätung, ohne Support Act vorne weg, betreten The Bad Seeds, in gediegen schwarze Anzüge gehüllt, die Bühne. Unmittelbar gefolgt vom Meister selbst. Nach wenigen Takten füllt die Aura dieses Mannes, die unzweifelhaft als unromantisch zu bezeichnende Atmosphäre des Münchner Zenith mit dominat dunkler Noblesse. Die B.B. und ich haben Glück und können die limitierten Plätze direkt vor der Bühne einnehmen. Somit werden wir unmittelbar Zeugen einer prätentiösen Selbstdarstellung, die niemals aufgesetzt oder gar überheblich wirkt.

„Jubilee Street“ „We call upon the Author“, „The Weeping Song“, „The Ship Song“, „Tupelo“, „The Mercy Seat“, „Stagger Lee“, „Into my Arms“ alles im Programm. Auch zwei, drei Songs, die mir gänzlich unbekannt sind. Ein manisches fast 15-minütiges „From here to Eternity“, das allen Anwesenden auf und vor der Bühne Nerven wie Drahtseile abfordert. Ein Ringen mit den Mächten, Pein, Erniedrigung, Körpereinsatz nebst ihrer Säfte. Unterbrochen von instrumentalen Noiseausbrüchen, die, von der ursprüngliche Komposition abweichend, auf die Zuhörer hereinbrechen, als hieße es, die Mauern Jerichos einzureißen. Ein Zurückfinden aus diesen Lärmwänden ist nur unter Zuhilfenahme von Warren Ellis möglich, der nach minutenlanger Tobsucht, drohend mit dem Geigenbogen einzählt und die wild wuchernde Saat zur Disziplin ruft.

„LISTEN“, zwischen den Songs unüberhörbar in´s Mikrophon gezischt, scharfzüngig, schulmeisterlich und eindringlich mahnend. ZuHÖREN fordert der Meister und meint damit Ungehörige, die vor der Bühne offenbar unaufmerksam sind. Diesen Abtrünnigen kommt er gern sehr Nahe, beugte sich herunter zu ihnen, verordnet Konzentration und verleiht seiner Forderung fast körperlich Ausdruck. Dann jedoch gleich wieder – ganz chargierte Nonchalance – hat er ein Lächeln um die Mundwinkel. Und die Herde folgt dem Hirten. Will ihm folgen, nicht nur seine Hände reicht er in die ersten Reihen, nein auch seine schwarzen, hochglanzpolierten Chelsea-Boots. Auch diesen wird untertänig Ehre zu teil.

Licht-Ton-Bild-Videoscreening alles, alles perfekt durchdacht, aber niemals dem Selbstzweck oder der eigenen Eitelkeit dienend. Oft ist das die Frage, die ich mir bei derart großen Produktionen, in großen Hallen mit hohen Eintrittspreisen, stelle. Wird der performative Akt die narrative Kraft des Werkes stören ? Wird es gar ein von Technik überladener Sündenfall ? Cave war Punk, für mich war er auch Dada, weil, spuckte er doch mit The Birthday Party auf alle möglichen Formen arrivierter Kunst. Also, was nun, Nick ? - Kunst erfordert Verrat und triumphiert über diesen Verrat, denn der Verrat wird wiederum in Kunst gewandelt - Und so wurde das Fleisch eins mit dem Blut und der ausufernden Darbietung und der Hingabe aller Beteiligter und diente als Vermittler zwischen den Fronten notwendiger technischer Mittel. So, als würde alles nur aus Schwarz und Weiß und ein wenig Rot bestehen, alles unter Hochspannung, britzelnde funkensprühende Lichtbögen aus Energie, die in einen Mahlstrom herabziehen und wieder ausspeien, nur, um sich/dich/uns anschließend, ekstatisch aufgeladen, erneut hineinzustürzen.

Ob das, als Konzertabschluss geltende, auf die Bühne bitten von unzähligen Zuschauern, um anschließend mit ihnen „Push the Sky away“ darzubieten, einen bleibenden, unvergessenen Moment vermittelt hat, mag dahingestellt bleiben. Eines jedoch bleibt, da waren die B.B. und ich einhellig der Meinung: Cave geißelte sich 120 schmerzhafte Minuten und entließ sich selbst und sicher auch den ein oder anderen seiner Jünger mit einem Gefühl, vielleicht ja doch die ein oder andere Sünde erlassen bekommen zu haben.
(Sir Tobi, 3.11.17)

Di. 17.10.17

The Diamond Family Archive, Lianne Hall, Fee Reega - Berlin, Loophole (20 Zuschauer)
Das Diamond Family Archive ist aus The South Hams in Devon, England und ich würde sie als elektro-akustisch-experminentelles Psych-Folk-Duo beschreiben. Einer spielt vorwiegend Gitarre und singt, der andere vorwiegend Drums, doch meist fummeln sie noch an zahllosen Effektgeräten und zwei drei Keyboards rum, spielen, singen, hacken und schleifen Loops in die Gegend rein, so dass die Basis der erstmal eher traditionellen Songs durch viel sphärisches Gewaber angereichert wird.
Das Gute daran: Sie bewegen sich strikt im nichtcomputerisierten Bereich. Keine Laptops, keine vorproduzieten Songs vom File, die dann nur überspielt werden!
Das Schlechte daran: Ich fand es immer schon reichlich unspannend, Musikern beim Knöpfedrehen zuzusehen. Wenn zu viel Technik im Spiel ist, bekommt das schnell den Charm von Telefonvermittlung. Als ich 14 war und wir im abgedunkelten Kinderzimmer Tangerine Dream und Klaus Schulze hörten, hatten wir andere Bilder vor Augen, als Typen, die aussehen wie Rick Wakeman und an Schaltpulten rumstöpseln.
Bei denen hier würde ich sagen, nah dran, fast gekippt, aber noch die Kurve gekriegt. Die musikalischen Qualitäten des Gitarristen Laurence sind ausserordentlich, auch sein Gesang. Leider beschränkt er sich ab und an auf nur ein zwei Sätze und Melodien, die dann auf alle Arten geloopt und wiederholt werden. Wegen mir hätten sie sich und ihr ganzes Beiwerk mehr in den Dienst des Songs stellen können. Ausserdem fehlten mir jegliche Ausbrüche.
Dennoch: Hatte sich gelohnt hier aufzulaufen, was wir ja nur unserer lieben Fee wegen getan haben, die gerade auf der Durchreise war und sich für ein kurzes Gastspiel dazu buchte. Die vier Songs, die sie vorneweg gab, wirkten daher auch etwas durchgehetzt, da sie Angst hatte, zuviel Zeit in Anspruch zu nehmen, was angesichts der Tatsache, dass sich das Publikum alleine wegen ihrer Anwesenheit verdoppelte, nur bedingt angebracht war. Spricht aber für sie, dass sie der Dankbarkeit ihre Ruhe opferte.
Dazwischen die ebenfalls britische Sängerin Lianne Hall, die aber mittlerweile in Berlin residiert. Sie spielt meist sehr klar strukturierte Muster auf der Gitarre, teils mit etwas Loopbackground und singt im Stile der nicht enden wollenden Kieksergeneration ... so leid es mir tut, denn ihre Schüchternheit ist mir ja ausgesprochen sympathisch, auch, dass sie in den 90ern mit der Punkband Witchknot zu John Peels Gunst fand ... aber dieses Female Alternative Singer-Songwriter-Gejauchze muss dringend gestoppt werden.
Aber: Ein Abend der sehr viel mehr Leute verdient gehabt hätte!!!
(Ralf, 18.10.17)

Sa. 16.09.17 Berlin Beat Explosion Tag 2 mit The Roaring 420s und The Stangs - Berlin, Bassy Cowboy Club (300 Zuschauer)
Ich hatte die Roaring 420s aus Dresden schonmal auf dem Garageville gesehen aber reichlich anders in Erinnerung, definitiv mit einer anderen Besetzung. Hier standen sie zu dritt und ich meine, dass die damals bestimmt mindestens fünf waren. Dementsprechend war der Sound ziemlich abgespeckt. Bass und Drums legten einen soliden aber recht sparsamen Grund für den Sänger und Gitarristen, der sich nach allen Regeln der Kunst austobte. Ich schätze, die referenzieren die späten 60er, das ist nicht sehr wild, definitv kein Punk, aber auch kein Soul, fast schon Easy Listening und etwas Indie-Touch haben sie auch noch mit dabei.
Prinzipiell haben sie mir gut gefallen ausser, dass mir die Kompositionen manchmal wohin, wo ich nicht mehr verstehe, was sie da wollen. Dann wird es langweilig und wenn man fünf sechs Songs hört, die super losgehen und dann irgendwann irren sie rum, verlieren die Spannung, dann ... Zudem schien es manchmal auch etwas schwummrig und unpräzise. Weiss nicht, ob das nur am etwas lauen Punch der Drummerin lag. Sie spielt gut, aber die Snare war kaum wahrzunehmen, weil sie sie höchstens streichelte.
Irgendwann wechselte der Gitarrist an die Orgel und zeigte auch dort, was er drauf hat. Auch alles super, aber besser wäre natürlich gewesen, ein Mensch an jedem der Instrumente. Das hätte ein abwechslungsreicheres Klangbild gegeben. Naja, ganz toll aber zu weich und zu hippie für mich, vorallem auf Dauer. Auch wenn der Sänger mir tatsächlich ziemlich angepisst vor kommt. Aber ich glaube, er ist zu schüchtern, um das auf der Bühne auszuleben. Spricht ja für ihn. Ich mag schüchterne Menschen.
Auch the Stangs aus Den Haag waren definitiv keine Punks. Auch eher mit Spätsechziger- aber mit rockig-poppigeren Referenzen, auch n bisschen Psych, aber nicht ganz so hippie, näher am Beat. Definitiv haben sie super Kompositionen, eine extrem gute Abstimmung, einen super Sänger. Geile Band, aber auf dem Lukas landen sie in der Region Schäfchen, hehehe.
(Ralf, 18.10.17)
Fr. 15.09.17

Berlin Beat Explosion Tag 1 mit The Wrong Society und The Urges - Berlin, Bassy Cowboy Club (250 Zuschauer)
The Wrong Society, Deutschlands Songwriting-Juwel unter den Punkbands. Und wenn ich Punk sage, dann denke ich an die Zeit vor der Erfindung von digitalen Effektgeräten, eine Zeit, in der die Kids wütender und ihre Instrumente verzerrter und lauter wurden. Bekanntermassen fand diese Revolution Mitte der 60er Jahre vorallem in Garagen amerikanischer Vororte statt und die Triebfedern waren Aufbegehren gegen die spiessbürgerliche Langweiligkeit sowie auch einfach nur zurückgewiesene Highschool Liebe. Und schon sind wir mitten in der Welt der Wrong Society, die diese traurige Wut wie keine andere Band dieser Tage in wunderschöne Songs umzusetzen weiss.
Dazu ist ihr musikalisches Können auf dem perfekten Niveau. Sie können anständig spielen und genügend Drive entwickeln, sind aber schäbig genug, um den trittbrettfahrenden Hochglanzartisten ihre Gitarrenhälse in den Arsch zu schieben, die es als schick erklärt haben, "vintage" zu sein. Jede noch so profilierte Band hängt sich heutzutage das Schild "Garage" vor die Brust. Damit müssen wir leben, doch zum Glück lässt sich Gut noch immer leicht von Böse trennen, wenn man wenigstens ein bisschen genauer hinsieht. Das hier sind nicht die Beautiful People, Leute, das hier ist die Wrong Society und sie IST was sie sagt! Und wer als nächstes das Wort "authentisch" in den Mund nimmt, kriegt von mir ein Gesicht zu sehen, das aussieht, wie das Cover der ersten Wrong Society 7".
Und noch eins möchte ich erzählt haben, was die ganz besondere Qualität dieser Hamburger Jungs ausmacht, nämlich, dass sie ausgezeichnet gut singen können, was ihnen dieses Kompositionsspektrum überhaupt erst ermöglicht.
Warum die neue Single noch nicht erschienen ist, habe ich jetzt vergessen, aber immerhin haben sie uns die Songs dazu vorgetragen. Und zwar in ihrer völlig eigenen überaus charmanten und unverstellten Anti-Rock-Star Haltung. Kann ich nicht genug von schwärmen.
Danach konnten uns die irischen Urges gar nicht mehr vom Hocker reissen. Das war als hätte man sich zuerst durch die Knochen gefressen und bekäme dann das weiche Fleisch vorgesetzt. Klar, die Urges sind international und bekannt und natürlich auch gut, aber den Spannungsbogen konnten sie nicht mehr anheben. Wie liessen das Fleisch, die Knochen waren ganz nach unserem Geschmack gewesen, und traten den Heimweg etwas früher an.
(Ralf, 9.10.17)

Mi. 06.09.17 The Membranes - Berlin, Posh Teckel (ca. 50 Zuschauer)
Bis heute habe ich die Platte nicht wiedergefunden, die ich damals (ca. 1986) gekauft hatte (ich wusste genau wo sie stand, zwischen The Fall und den Inca Babies ... und ... naja, so mitteloft angehört, aber immer in Ehren gehalten habe. John Robb hab ich seitdem mehrmals in Musikdokumentationen zu Wort kommen gehört. Immer cool. Immer auf den Punkt.
Vor der aktuellen Europa Tour als Support von Sisters of Percy (ei, warum machen die das nur?) gaben sie ein kleines Stelldichein in ihrer Berliner Lieblingskneipe, umsonst und im kleinen Hinterzimmer, das sich mit 50 Zuschauern anfühlte, wie die O2 Arena mit 125000.
Die Herrschaften aus Blackpool sind mittlerweile dem "Space" zugetan. Robb ist immer noch ein schlanker Punk und hat ein ausprägsames Gebahren. Körper, Mimik und Inhalt erinnern sehr an Julian Cope. Die musikalische Darbietung war stark an Robbs Bass angelehnt. Warum die unbedingt zwei Gitarristen brauchen, war nicht so ganz klar. Der alte hatte eh kein Bock auf den neuen Kram und nutzte seine Zeit, um gelangweilt ins Publikum zu starren und seine Brille hochzuschieben. Bei den Zugaben, die dann die Punk-Smasher zu Tage brachten, ging er dann plötzlich so richtig ab. Dann wurde es richtig herrlisch.
Ach ja, die guten Membranes. Ich hab mir hinterher das Tshirt gekauft.
(Ralf, 8.10.17)
Do. 24.08.17 Ty Segall - Berlin, Festsaal Kreuzberg (ca. 600 Zuschauer)
Hab den ja nur vom Hörensagen verfolgt. Ich meine, der scheint in Ordnung zu sein. Was er musikalisch abliefert, ist grande Showbusiness deluxe. Wie die meisten jungen Leute von heute ist er von tausenderlei Kram beeinflusst und weiss irgendwie nicht so richtig, wo er hin will. Daher klingt wohl jede seiner Platten irgendwie anders, aber alle auch irgendwie gut (hab ich mir sagen lassen).
Hier und heute war das gitarrensololastiger, fast schon progrockiger 70er Heavy-Rock.
Die Songs sind gut, die spielen wie die Könige, er kann ausgezeichnet singen und ... sie haben einen wirklich mitreissenden Spannungsbogen im Set. DAS, meine Herrschaften, DAS ist das, was Ty Segall abhebt. Handwerkliche Qualität und die Kunst, dem Songwriting und dem Programmablauf eine Würze zu geben, die den Leuten das Hirn verstellt. Also Anja und Marc waren total weg. Marc musste nach 3 Vierteln des Konzerts unbedingt in den Mosh Pit und hinterher nach Hause getragen werden, so fertig war der. Das Gesabbel vom "besten Konzert meines Lebens" hab ich, glaub ich, falsch verstanden.
Tja, mal ne interessante Erfahrung, wenn man sich über seinen Tellerrand hinauswagt, was ich ja nie getan hätte, wenn die beiden mich nicht eingeladen hätten. Danke. Wer gibt mir einen Tipp fürs nächste Experiment?
(Ralf, 8.10.17)
Mi. 23.08.17 Demon's Claws, Balagan - Berlin, Urban Spree (ca. 130 Zuschauer)
Die in Berlin ansässigen Balagan, eine Art Supergroup aus Leuten, für die Balagan das Nebenprojekt ist, ist die erste Band, die ich im Urban Spree mit einem guten Sound erlebt habe. Am Ende kippte es fast, als die Bässe wieder zu doll wurden ... fast ... denn es tat dem absolut guten Auftritt der drei Jungs, die ihren Sound selbst Fuzzy Basement Rock nennen, keinen Abbruch. Das Etikett trifft's perfekt. Sie bleiben bei den schnörkellosen Riffs, einfachen Melodien, klaren Arrangements, die dennoch dynamisch und emotional sind, verzetteln sich in kein Gefrickel, wechseln sich im Gesang ab und haben eine als korrekt abzubuchende Verzerrung auf der Gitarre. Passt. Nicht weltbewegend, aber hat mir wirklich gut gefallen.
Montreals Demon's Claws haben wir ja vor 10 Jahren schon mal gesehen. Da sie nicht viel gemacht haben seitdem (die letzte Platte kam 2010), hat sich auch nicht viel geändert und daher ist es ohnehin eher verwunderlich, dass sie gerade jetzt auf Tour kommen. Eigentlich kennt die auch keiner, weswegen das Prädiket (auf In The Red Records), überall noch höher gehalten wurde als der Bandname selbst, was aber unterm Strich die richtige Werbemethode war, denn der Laden war gut gefüllt.
Besetzungstechnisch sind sie etwas zusammengeschrumpft, so dass sogar die Berliner Garde aushelfen durfte. Die Jungs klingen und wirken noch genauso kaputt wie vor 10 Jahren. Ich fühle mich bei vielen Songs an die Deadly Snakes erinnert und so schliesst sich auch der Kreis wieder in Kanada, auch wenn der eigentliche Ruhm der Claws daher stammt, dass sie in der ersten Dekade der 2000er von den Black Lips mit auf Tour geschleppt wurden.
(Ralf, 1.9.17)

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