Konzertbesprechungen
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A.R. Machines (Dortmund, 12.4.18) - Baby Jesus (Hamburg, 14.4.18) - The Baron Four (Hamburg, 13.4.18) - Beatrice (Berlin, 8.3.18, Berlin, 3.3.18) - Bikini Jesus (Berlin, 3.2.18) - Bobcat65 (Berlin, 23.2.18) - Chambers (Berlin, 3.3.18) - Kid Congo & The Pink Monkey Birds (Berlin, 15.11.17) - The Detroit Cobras (Berlin, 21.4.18) - Delphine Dora (Berlin, 24.3.18) - The Embrooks (Hamburg, 14.4.18) - Wild Evel & The Trashbones (Hamburg, 14.4.18) - The Frantic Five (Hamburg, 13.4.18) - Garageville 2018 (Hamburg, Tag 1: 13.4.18, Tag 2: 14.4.18) - Gym Tonic (Berlin, 17.2.18) - Kama (Berlin, 3.3.18) - The Launderettes (Hamburg, 13.4.18) - The Magnetix (Berlin, 17.2.18) - Lau Nau (Berlin, 24.3.18) - The No-Counts (Berlin, 23.2.18) - Plattenbau (Berlin, 3.2.18) - Quallus (Berlin, 3.3.18) - The Royal Flares (Hamburg, 13.4.18) - Shoreline (Berlin, 8.3.18) - The Woggles (Hamburg, 14.4.18, Berlin, 19.4.18)

Sa. 21.04.18 The Detroit Cobras - Berlin, Heimathafen Neukölln (ca. 600 Zuschauer)
Hm. Schwierige Nummer. Vor 15 - 20 Jahren fand ich die Detroit Cobras superklasse, obwohl sie nur Covers spielten. Aber sie spielten sie sehr rauh, groovig, rauchig, wild und sexy und, dass Greg Oblivian zu einem gewissen Grad involviert war, gab der Sache sowas wie das Gütesiegel. Partymusik für Punkrockers.
Tja, und irgendwann hatte ich genug davon. Die Welt dreht sich weiter. Ich dachte, die seien schon seit 10 oder mehr Jahren aufgelöst und irgendwie dachte ich eh, dass das nur so ein spassiges Seitenprojekt ist. Offensichtlich aber nicht, denn da sind sie wieder und zwar vor der Haustür. Hm ... un nu? Ich hatte mich erstmal gar nicht um eine Karte bemüht und bin dann fast zufällig doch noch mit reingerutscht. Und dann latscht man da eben wo rein, wo man sonst eher nicht reinlatschen würde, kriegt Bier aus Plastikbechern für das man ewig lang anstehen muss und dann ist er einfach da, der fehlende Enthusiasmus.
Und auch die Band tat nichts, diesen wieder aufzubauen. Sängerin Rachel Nagy taumelte schon auf die Bühne während das Saallicht noch an war und machte einen irgendwie derangierten Eindruck, der dann auch während der ganzen Show über anhielt, so dass alle Leute nur noch darüber rätselten, was sie sich wohl eingepfiffen haben könnte. Darüber zu spekulieren, finde ich langweilig, denn sie sang eigentlich gut (wenn auch meist neben das Mikro) und desolates Auftreten ist nun mal als Grundbestandteil des Rock'n'Roll stets gern gesehen. Aber sie waren auch einfach lahm und das ist NICHT Grundbestandteil des Rock'n'Rolls.
Dazu scheint mir die Lokation, so schön das Theatergebäude auch sein mag, nicht für ein derartiges Rockkonzert ausgelegt. Es mag sehr schwierig sein, hier einen guten Sound reinzukriegen und wer weiss, ob die Beschallungsanlage für diese Art von Veranstaltung konzipiert ist. Nachdem was man zu hören bekam, Lautstärke inbegriffen, befürchte ich nein.
Nun bin ich möglicherweise tatsächlich schwer zu begeistern in meinem fortgeschrittenen Dasein. Ihr kennt das ja, so diese herablassende Art des ... Habichallesschongesehen/Hautmichjetztauchnichtum, das manche Leute im Alter entwickeln - und ich schmücke mich damit, diese Haltung perfektionieren zu wollen - aber an diesem Abend war ich ausnahmsweise nicht der einzige, dem es nicht gefallen hat.
(Ralf, 22.4.18)
Do. 19.04.18 The Woggles - Berlin, Cortina Bob (ca. 70 Zuschauer)
Nochmal eine wunderbare Show dieser Alltime-Faves. Ich kann eigentlich die Stunden puren Glücks kaum zählen, die diese Band mir mit ihren Live-Shows verschafft hat.
Nach 30 Jahren immer noch in Flammen, wer schafft das schon? Dazu sind ihre Kompositionen reichhaltig und feinfühlig orchestriert, was sie von vielen Bands ihres Genres abhebt, die oft ihre besten Momente mit Coverversionen haben. Auch in Berlin also die Woggles wieder in typischer Bestform. Wie halten die das nur durch?
(Ralf, 16.5.18)
Sa. 14.04.18 Garageville Tag 2 mit Baby Jesus, The Embrooks (Foto), Wild Evel & The Trashbones and The Woggles - Hamburg, Hafenklang (ca. 300 Zuschauer, ausverkauft)
Wie im letzten Jahr als erstes eine Hippie-Band, Baby Jesus aus Schweden. Waren aber richtig geil, sehr hypnotischer, dichter und wütender Sound, eigentlich wie extrem verwüstete Miracle Workers. Die Embrooks aus England danach mit dem Schlagzeuger-Tausendsassa der Baron Four an Gesang und Bass sind rockiger als ich dachte und für meinen Geschmack deutlich zu viel Gekniedel an der Gitarre. Dennoch ganz gute Kompositionen und ne richtig überdosierte Show. Das war dann zunächst auch etwas problematisch, denn sie hatten mit ihrer Übermotivation zu kämpfen. Die Drummerin brauchte ein paar Songs, um sich richtig einzugrooven und der hippelige Gitarrist pluggte sich ein paarmal aus bzw. vertrat sich bei seinen vielen Schaltern auf dem Boden. Aber als sie sich nach 4, 5 Songs dann eingekriegt hatten, wurde das eine furiose Show, nicht ganz meins, aber schon richtig top Entertainment, allerdings ohne Spoiler und dicke Hosen, ganz sympathisch eigentlich.
Wild Evel ist der mexikanische Frontmann der österreichischen Trashbones, eine recht bunte Truppe aus Kaffeeröstern und Abiturienten, die es aber ziemlich drauf haben und sehr sehr engagiert sind. Da der Wild Evel schon am Vorabend mit einer Performance glänzen konnte, die im Rauswurf aus dem Molotow gipfelete, waren wir natürlich bester Erwartungen. Mit seinem Graveyard-Kostüm, dem Zylinder und den schwarzen langen Haaren hinter einer riesigen Sonnenbrille ist er schon ganz schön überzogen und auch seine Sprüche und Texte greifen tief in die Klischeekiste. Dennoch sind sie gut genug und er ist auch abwechslungsreich genug, um den Unterhaltungsfaktor oben zu halten. Zudem wusste er sich durchaus bei den richtigen Leuten zu bedanken und tat dies in absolut angemessener Art und Weise. Auch am Ende, als Tripsi auf die Bühne musste, sprang er helfend dazu und nutzte sein Showtalent, um die Leute auf die Fortsetzung der Party im Obergeschoss aufmerksam zu machen. Da ist schon alles, wo's hingehört, bei dem. Sauber!
Dann die Woggles und ich war ziemlich aufgeregt, ob sie's noch bringen, denn ich meine, dass es schon mehr als 10 Jahre her ist, dass ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Aber nach diesem Abend denke ich, ein paar Jahre geht es noch. Eigentlich sind die fast völlig unverändert, voller Esprit und Sympathie, lustiger Ideen, Schwung, tollen Kompositionen und ausgezeichnetem musikalischen Könnens. Anders als viele Bands im Garagenland leben sie von ihrer expliziten Eigenwilligkeit in Klang und Komposition. Dazu haben sie diese umwerfend tanzbare Rhythmik, die sich durch ihr komplettes Schaffen zieht.
Und so wurde das ein extrem runder Abend, vielleicht der beste komplette Tag auf einem der letzten 3-4 Garagevilles.
(Ralf, 29.4.18)
Fr. 13.04.18 Garageville Tag 1 mit The Royal Flares, The Launderettes, The Baron Four (Foto), The Frantic Five - Hamburg, Molotow (ca. 250 Zuschauer, ausverkauft)
Erstmal eine sehr positive Änderung im Molotow: Mehrere Bars. Das leidige Drängeln am einzigen Getränkeausschank hat ein Ende! Den Backyard mit Beschallung fand ich mit fortlaufender Dauer des Abends dann aber sehr unangenehm, da es keinen einzigen Platz im Haus gab, wo man etwas Ruhe hatte und sich unterhalten konnte, ohne zu schreien.
Dafür ging es mit den Royal Flares aus München aber sehr amtlich los. Im Bassy hatten sie mir zuletzt nicht so gefallen. Heute fand ich sie klasse, insbesondere die Gitarrensounds. Sie sind recht melodiös, manchmal fast byrds-like und eigentlich auch kein Punk. Das alles allerdings ist ein hervorragendes Alleinstellungsmerkmal. Die Kompositionen sind gut, der Gesang exzellent, für meine Begriffe höchstens etwas zu lange Solis. Aber ich sagte ja bereits: Kein Punk!
The Launderettes, eine Fast-All-Girl-Band aus Oslo, mit stompy-surfy Sound, was mir an sich nicht so gefällt und so taten sich auch die Launderettes schwer, mir zu gefallen. Insgesamt wirkten sie aber auch etwas müde, Insbesondere die Sängerin. Sie tat mir ein wenig leid, hatte wohl irgendwie mit ihren Energien zu kämpfen, was natürlich sehr schade ist an einem solchen Abend, wenn man von so weit hergereist ist.
Dieses Problem hatten The Baron Four aus England nicht, denn die platzten geradewegs aus den Nähten vor Ehrgeiz und gefielen mir wie so oft tausendmal besser als vorher im Bassy. Der Schlagzeuger ist wirklich unfassbar gut und ich bin der grösste Fan des blonden Gitarristen. Wie der sich so in seine Rolle reinstoffelt und von nichts aus der Ruhe bringen lässt, nur er und seine Musik, das ist einfach grandios. Die besondere Stärke der Baron Four sind die Arrangements. Sie sind die Meister der Spannungsverlagerung und schaffen es, in jeden Song eine Passage einzubauen, die geradezu explodiert. An diesem Abend haben sie ein paar Covers gespielt, die sie so gut arrangiert hatten, dass sie die Highlights der Show waren. Dadurch verblassten die eigenen Sachen ein wenig, was ich keine gute Idee finde. Aber ihre neue Platte brauche ich unbedingt, denn sie scheint sehr gut zu klingen. Sehr gut = wüst, wild, ungehobelt!
The Frantic Five aus Griechenland am Ende des Abends waren prinzipiell ganz ok. Nicht spektakulär aber solide 60s Kost. Leider war es nach dem furiosen Auftritt der Baron Four schwierig, hier noch mal die totale Begeisterung zu entfachen. Der Abend war durch die Tür.
(Ralf, 28.4.18)
Do. 12.04.18

A.R. & Machines - Dortmund, Konzerthaus (paarhundert Leute, wen interessierts ...)
"Ein Kindheitstraum wird wahr!" So dachte ich, wird die Überschrift lauten. Doch daraus wurde: "Der grösste Beschiss, den ich jemals über mich ergehen lassen musste!"
Doch zurück zum Anfang: Wir schreiben etwa das Jahr 1979. Onkel Ralf sitzt mit seinen damaligen Kinderkumpels in abgedunkelten Kellern und hört wilde Musik. Damals allerdings noch keinen Punk sondern eher Rock, aber niemals das Gewöhnliche. Eines der absolut markantesten Werke ist dabei "Die grüne Reise" aus dem Jahr 1971 von Achim Reichel, in den 60ern als Rattles Frontmann bekannt geworden, später Betreiber des legendären Star-Clubs in Hamburg, danach und bis heute Schlagersänger und dazwischen, versteckt hinter dem Pseudonym A.R. Machines, tüftelte er sich bleibend in das internationale Gedächtnis, durch den Zufall einer Fehlbedienung. Beim Aufnehmen einer neuen Idee auf einem Reel-to-Reel Tonband, nahm er versehentlich einen Loop auf, was ihn aber auf die Idee brachte, damit zu experimentieren. Die grüne Reise hat er im Alleingang eingespielt und wer es nicht kennt, der besorge es sich. Als heranwachsende Kinder jedenfalls ermöglichte uns diese Platte, auf Drogen zu verzichten und dem Reichel nach Wiederaufflammen des Frühsiebziger Krautrocks, nachhaltige Popularität, die darin gipfelte, dass das Ding jetzt tatsächlich wieder auf die Bühne kommt, nachdem der gute Herr sich jahrzehntelang dafür schämte.
Und dieses Schämen hält offensichtlich bis heute an ... irgendwie ... denn für den Live-Auftritt wurde es nicht nur abgeschlichtet, fadgeglättet, die Originale weit runtergemischt und ein Haufen lahmer Klangteig darüber gelegt. Ein einziges gähnendes Gewaber, das nichts mit der liebevollen Frechheit der damaligen Aufnahmen zu tun hat. Die grüne Reise kam kaum darin vor.
Zudem wurden keine Loops live gespielt, es wurde eigentlich fast gar nichts live gespielt, von den Percussion und dem Bass abgesehen. Dem Schöpfer gegenüber befand sich sein Adjudant, der den ganzen digitalisieren Wahnsinn startete und ein wenig die Trommler dirigierte. Manchmal zog er etwas an den Saiten, um nicht ganz aufs Knöpfedrücken reduziert zu sein. Reichel spielte ganz leise etwas Rhythmusgitarre dazu. Ich denke, die dachten, das Publikum merkt nicht, dass die kaum spielen (zu hören war was und man sah auch was sie spielten und was vom Computer kam. Was mich aber noch ärgerte war, dass die sogar zu faul waren, Amps herzuschleppen. Kein einziger Amp auf der Bühne!). Da Reichel auch nicht sang und auf der grünen Reise wird durchaus gejauchzt, was die Lunge hergab, hätte man auf ihn eigentlich komplett verzichten können. Ohne Witz, der eine drückte die Knöpfe und der andere machte gar nichts. Und das ist, was ich Beschiss nenne. Fragt mich nicht, was ich erwartet hatte, aber die Platten kann ich mir zuhause anhören. Immerhin hatte ich 50 (in Worten: fünfzich) beschissene Taler hingelegt und zwar dafür, dass mir das Herz rausgerissen wurde. Im Gegensatz zu dem Herrn im weissen Schlafanzug auf der Bühne, liebe ich sein Werk bis ins kleinste Detail und konnte schon mit 15 Jahren die grüne Reise auswendig hoch- und runtersingen.

Ich bin nicht enttäuscht, ich bin zutiefst getroffen!!!

Das Publikum bedankte sich fürs Verarschtwerden mit stehenden Ovationen, weshalb ich sie damit aburteilte, dass das doch eh alles CD-Käufer sind und deswegen ist diese beschissene neue Box, die neben allen AR Machines Platten, Liveaufnahmen aus den 70ern und eben die aufbereiteten Klänge denen man an diesem und ein paar anderen Abenden in Deutschland lauschen durfte, auch nur auf CD erschienen. Da ich nur eine der 5 AR Machines Platten habe und alles andere nicht mehr bezahlbar ist, hätte ich das sogar gekauft, würde ich mir diese Musik jemals wieder anhören können, ohne die Bilder dieses schrecklichen Abends vor Augen zu haben. Ich habe aber schon 50 Euro für nichts bezahlt. Wer sie nachweisbar geklaut hat, von dem würde ich sie gerne mal ausleihen.
(Ralf, 18.4.18)
Wir wurden beraubt!

Sa. 24.03.18 Lau Nau, Delphine Dora - Berlin, Ausland (ca. 30 Zuschauer) Foto von Arve Knudsen, ohne Erlaubnis von der Website von LauNau kopiert.
Tja, hmmm ... weiss noch nicht, wie ich mich aus dieser Nummer rausstehlen soll. Ich fand's einen ungemütlichen, beklemmenden Abend. Einmal unser erster Besuch im Ausland, in dem ich mich fast schon eingekerkert fühlte. Der Kellerraum ist eigentlich supercool und ich bin total mit den Veranstaltern, die nett sind und sich hier viel Mühe machen. In dem bestuhlten Raum kann man sich aber kaum bewegen. Trotz der Enge fühlte ich mich total distanziert zu allen anderen Menschen, die da waren. Es herrschte eine betreten verklemmte Atmosphäre wie bei einem Schulkonzert und man traut sich kaum den Kopf zu bewegen, damit das Knacksen der Halswirbel nicht die Performance stört. Ich weiss, ist alles MEIN Problem. Aber die Möglichkeit, sich ein bisschen zu bewegen, und auch mal unauffällig den Platz zu wechseln, ev. mal aufs Klo zu gehen, noch ein weiteres Getränk zu kaufen, egal was, hätte ich extrem erleichternd empfunden.
Zu hören und zu sehen und im wahrsten Sinne ihre extreme Durchlässigkeit zu fühlen, gab es die Französin Delphine Dora, eine Pianistin, die mir schon nach den ersten Tönen Panikattacken ins Nervensystem trieb. Meine idiotisch höflich-respektvolle Haltung gegenüber jeder Art von Musikern liess mich jedoch zu einem Stein erstarren, der den Holocaust über sich ergehen lassen muss. Als die Dame dann zu ihrem verkennbar ausdruckslosen Gesang ansetzte, wusste ich nicht mehr, ob ich mitleidvoll oder empört über soviel Selbstvertrauen sein sollte und ich wusste es nicht, bis zum Ende dieser entsetzlichen Stunde ... denn, wie alle Künstler, deren Schaffen auf einem anderen Niveau steht als ihr Selbstbewusstsein, wusste sie nicht, wann die richtige Zeit für das Ende ist. Ich mag ein Kunstbanause sein - und es ist nicht, dass sie sich versungen oder verspielt hat, denn das ist in diesem Forum kein Abwertungskriterium - aber für mich überwog eine ganz hinterhältige Art von als schüchtern-dezent getarnter Aufdringlichkeit, die mich verärgerte und meine Begleiterin aggressiv machte, wie sie mir hinterher erzählte.
Die Finnin Lau Nau war da weit weniger anstrengend, wirkte weniger offensiv und ruhte sehr angenehm ihr ihrem Selbstvertrauen. Was ich zunächst vermisste, war ein Instrument. In der Beschreibung stand was von Gitarre. Vor ihr befand sich allerdings nur ein Koffer mit Kabeln und Steckern, eine mittlere Armada von Effektgeräten und Loopern aber immerhin KEIN Laptop. Ihr elektrischer Klangerzeuger oszillierte also die melancholischen Harmonien, zu denen sie sich dann teils am Klavier begleitete (von dessen Anwesenheit sie aber wohl vorher gar nicht wusste - was ich doch sehr beachtlich fand, denn offensichtlich stellte sie sofort ihr Programm daraufhin um, wozu so kurzfristig nicht jeder Musiker in der Lage ist) und sang, mal ohne Text, mal mit.
Nun hätte ich mir nichts mehr gewünscht als, dass sie sich erspart hätte, uns den Inhalt der Texte zu erklären, denn dies würgte nicht nur die Atmosphäre ab, die sie immerhin - ganz anders als ihre Vorsängerin - aufgebaut hatte, sondern stahl sich selbst den Zauber. Wem zur Hölle, muss denn ich, als Analphabet, das Wesen der Wirkung der Kunst nahebringen, das den Inhalt zwar transportiert, aber die Farben und die Emotionen und die Worte und die Klänge auf Schwingen in die Herzen trägt, und so diesen Rausch erzeugt, der uns erstarren und leben lässt. Und das mit dem Herzen ist nur ein Beispiel. Der Ebenen gibt es viele und es gibt nichts Tödlicheres, als ein Teil des Ganzen herauszunehmen und erklären zu wollen ... nur weil sie eben auf finnisch singt und das keiner versteht. Herrgott, das war der erste Todesstoss und der zweite kam, als sie Delphine Dora fragte, ob diese Lust hätte, mit ihr zusammen noch ein Stück zu improvisieren. Hatte sie vorher nicht zugehört? Das ist ja quasi, als hätte Da Vinci dem ersten Möchtegern, der vor seinem Haus rumlief, einen Pinsel in die Hand gedrückt, um bei seinem noch nicht fertig gestellten Werk mit Hand anzulegen. Eine unglaubliche Dummheit, die man ihr mal vor Augen halten müsste.
Meine Begleiterin stob angesichts dieser Ankündigung sofort nach draussen und ich bewunderte ihren Mut und träumte von Freiheit, einem neuen Bier, einer Zigarette. Tja, MEIN Problem.
So wurden wir alle Zeugnis einer nicht gewollten und unbeholfenen Zugabe. Lau Nau steckte Kabel und drehte Knöpfe. Was dabei aus den Lautsprechern knarzte, klang soweit gut. Delphine aber tippte dazu auf dem Klavier rum , wie eine unsensible Sekretärin auf der mechanischen Schreibmaschine und ... entdeckte in einem Moment unheilvoller Berufung, dass da noch das Mikrofon hingt, direkt vor ihrem Kopf. Da Lau Nau sehr gut singen kann, auch wenn sich das am Ende auf wenig mehr als tausend Mal gehörtes Mädchen-Gejammer beschränkte (nein, jetzt ist Schluss, es war eigentlich ziemlich gut), war ab diesem Moment klar, dass das Selbstbewusstsein von Delphine Dora unter Fehlschaltungen leidet. Ich fühlte mich gefangen und erniedrigt, meine Rezeptoren, mein Empfinden, meine Sinne wurden beleidigt und ich kann kaum glauben, dass ich der einzige im Raum war, dem das so ging.
Und doch erhoben wir am Ende unsere schreck-erstarrten Glieder und begannen in genauso fehlgeleiteter Höflichkeit zu klatschen, die DD nur zu weiteren Untaten anstiften wird. Quasi sind wir schuld daran, dass hunderte Menschen nach uns das gleiche Schicksal ereilen wird. Eine Unverantwortlichkeit, durch die ich sämtliche Achtung vor mir selbst verloren habe. Offensichtlich hab ich aber noch nie welche besessen, denn tatsächlich fühle ich nur eine leichte Reue, jetzt wo ich genauer drüber nachdenke. Zur Hölle mit mir! Wie kommt es eigentlich, dass jeder in diesem verfluchten Internet ablassen kann, was er will. Wie kommt es, dass Leute wie ich Konzerte besuchen dürfen? Brauchen wir hier nicht Regeln, die Leute wie mich einsperren, um Leute wie Delphine daran zu hindern, weitere Leute zu foltern?
Nein, denn Ihr nehmt mich hoffentlich nicht ernst, hehehe. 28 von 30 Leuten hat es an diesem Abend vielleicht gefallen. Ich hoffe auf 25.
(Ralf, 25.3.18)
Do. 08.03.18

Shoreline, Béatrice - Berlin, Schokoladen (ca. 50 Zuschauer)
Noch mal Béatrice (Foto). Is ja immer gut, ne Band mehrmals zu sehen, auch in so kurzer Zeit und mit veränderten räumlichen Gegebenheiten. Man kommt der Band und ihren Intentionen etwas näher und der Sound im Schokoladen ja immer auch schoko-like. Naja, manchmal ist ja auch ein schrottiger Sound besser und es gibt auch Bands, da fallen erst bei guten Bedingungen gewisse Schwierigkeiten auf. Nicht so bei Béatrice. Auch hier wieder ein bemerkenswert lockerer und trotz aller Ernsthaftigkeit vergnüglicher Auftritt.
Shoreline aus Münster danach ebenfalls mit was ich als Emo-Punk bezeichnen würde, allerdings im Gegensatz zu Béatrice ohne einen einzigen Hook, den man nicht genau an dieser Stelle erwartet hätte. Keine Note, keine Bewegung barg Überraschung und daher auch keine Inspiration. Radio-Musik.
(Ralf, 18.4.18)

Sa. 03.03.18 Quallus, Chambers, Béatrice, Kama - Berlin, Scharni 38 (ca. 50 Zuschauer)
Kama würde ich mal als modischen und melodischen Punk mit deutschen Texten über Hass und Nazis bezeichnen, vielleicht nicht mit kommerziellen Gedanken, aber dennoch gar nicht mein Ding.
Béatrice ist leidenschaftlicher Emo-Punk mit Kontergesang und viel musikalischer Komplexität. Vielleicht einen Tick ZU viel, denn manchmal holpert es ein wenig. Doch das wird mit einem Lachen quittiert. Eine verdammt lockere und sympathische Band aus Berlin.
Dann schwenkte der Abend über zum Metal. Hab mich da noch nicht so mit klargefunden, dass der Metal die Jugendhäuser, vorallem auch die selbstverwalteten, erobert, aber nachdem das vor 12-13 Jahren anfing, hat die ganze Szene entdeckt, dass der Weg zur grossen Bühne manchmal schwer ist und vielleicht ist es doch auch ganz cool, es mal wieder dem Punk nachzumachen und in den Keller zu gehen.
Chambers bezeichnen sich sogar als Punk, nämlich Dark Hardcore Punk, wo ich dann doch lachen muss, aber kein böses Lachen. Die sind wohl schon ok, aber das ist Dark und das ist Metal, Leute. Also wem die Decke fast zu niedrig ist, um seine Amps darin zu stapeln, wer breitbeinig mosht wie geisteskrank, wer seine Gitarren tiefer stimmt, wer langsamen mahlenden Doom mit weiblichen Schrei- bzw. Grunz-Vocals bringt, wer ist denn da nicht Metal? Die Einstellung mag ja Punk sein, Leute, aber es geht ja hier auch um Musik, hahaha.
Die bärtigen Kameraden mit Glatzen kommen natürlich aus Friedrichshain. Die sehen genauso aus, wie Nelson von Curlee Wurlee mein Gesicht mit Edding im Proberaum auf die Tafel gemalt hat, in der Voraussicht, dass ich bald so aussehen werde, wenn ich nach Berlin gehe, hahaha.
Quallus aus Leipzig, die denn als letzte antreten mussten und in sofern auch nur noch die Hälfte der Leute hatten, sind an der Stelle wenigstens ehrlich. Sludge Doom Metal. Das was die Melvins 86 angefangen haben, mit "Ozma". Das findet heute noch seine Erben in Bands wie Quallus und das ist total ok. Ich hab ihnen ne ganze Weile zugeschaut. Die grunzen zwar nur, aber das Drumming war schon extrem geil. Die Gitarren spielten quasi kaum. Nur mal hier, mal da nen Wechsel, und dann ewig stehen lassen. Mir hats gefallen, auch wenn ich mir zuhause dann doch Ozma auflegen würde. Wahrscheinlich gibts da ja auch noch viel andere Geschichte dazwischen. Und da sehe ich dann ja doch auch die Verbindung zum Punk. Ist ja nicht so, dass die ganzen Poser-Bands mit Kalendergirls im Spint jetzt in die besetzten Häuser drücken.
Schöner Abend, angenehme Location.
(Ralf, 18.4.18)
Fr. 23.02.18 Bobkat 65, The No-Counts - Berlin, Schokoladen (ca. 50 Zuschauer)
Wow, ich war spät dran und der Laden halbleer, dafür waren die No-Counts besser als ich sie je gesehen habe. Endlich knallt ihr Teen-Punk auf die eins und im Schokoladen ist der Sound ja ohnehin immer super. Perfekt!
Bobkat 65 haben ihre Schüchternheit noch nicht abgelegt. Bin mal gespannt, was passiert, wenn das passiert. Im Moment ziehen sie daraus ihren Charme. Doch auch die Songs sind super. Ihre besondere Stärke liegt in den sanfteren Momenten. Stärkste Nummer definitiv: "If You Want Me By Your Side".
(Ralf, 18.4.18)

Sa. 17.02.18

The Magnetix, Gym Tonic - Berlin, Urban Spree (ca. 80 Zuschauer)
Ich hatte mich sooo gefreut, die Magnetix mal wieder zu sehen. Ist schon ein paar Jahre her, aber in allerbester Erinnerung geblieben. Leider ist davon in 2018 nicht mehr viel übrig. Vielleicht hat an dem damaligen Abend einfach alles gestimmt, vielleicht sind aber auch 13 Jahre vergangen und die Magnetix schaffen es nicht wirklich sich zu erneuern oder weiter gute Songs zu schreiben. Kompositorisch war das extrem dünn. Ausser ein paar experimentelleren Passagen zwischendurch und zwei drei der kantigeren Songs gab es nichts Ansprechendes. Die meisten Riffs gingen da rein und da wieder raus, um das Geraunze am Gesang zu reproduzieren, hätte man jeden einzelnen im Saal auf die Bühne stellen können und das übertriebene Gehabe wirkte extrem bemüht und schwach. Das fühlte sich bei denen 2005 noch sehr natürlich an.
Jeder Künstler hat mal eine Phase, wo er eine Erschöpfung spürt, wo seine Kunst nicht mehr die ursprüngliche Kraft hat. Der eine kann sich neu erfinden oder nach einer Erfrischung, egal welcher Art, wieder mit voller Vitalität einsteigen ... und manche können das nicht oder wissen nicht wie. Alles hört sich gleich an, die Riffs, die Rhythmen, die Sprache, der Tonfall. Was jetzt?
Die Erneuerung von aussen zu suchen, bspw. über ein neues Effektgerät für die Gitarre oder in dem man versucht den eigenen Loops hinterherzuhetzen, die ein angereichertes Klangbild produzieren sollen ... das ist doch alles Quatsch. Das ist doch keine Erneuerung der Kunst. Die Kunst wohnt in einem drin und wenn die Kunst stimmt, dann ergibt sich die Technik dazu von selbst. Aber Du kannst nicht versuchen, mit Äusserem Deine innere Leere aufzufüllen. Das Publikum fühlt das.
Und das hat auch das Publikum an diesem Abend in Berlin gemerkt. Die Verzweiflung des Magnetix Gitarristen war so offensichtlich, dass man ihm gerne eine Suppe gekocht hätte (danke Antje für diesen Spruch, den ich immer wieder gerne verwenden möchte), hätte er sich nicht durch aggressive, überheblich wirkende Gesten und Sprüche selbst aus dem Saal getreten und so fielen unsere Münder wieder zu, die schon geöffnet waren um ihm Hilfe anzubieten und wir sahen ihn achselzuckend entschweben. Autokruxifizierung. Ein probates Mittel. Schade für den Moment, vielleicht wird es ja beim nächsten Mal wieder besser. Erneuerung braucht manchmal etwas Zeit. Ob ich dann wieder hingehen werde, ist allerdings leider fraglich.

Aber der Abend hatte davor ja noch eine Band zu bieten, die gerade brennt. Gym Tonic lieferten einen lebendigen Auftritt mit Inbrunst und Spielfreude ab, der ihrer geneigten Berliner Hörerschaft ebenso viel Spass machte. Daran tat auch der basseitig übersteuerte Sound keinen Abbruch. Als ich sie das erste Mal sah, waren die Gitarren nicht zu hören, weil der Synthie zu laut war. Dieses mal war es genau andersrum. Lässt sich nicht immer von aussen beantworten woran es lag. Ich hab im Urban Spree mehr Bands mit schlechtem als mit gutem Sound gehört, ABER: nicht alle!!! Es ist zu einfach, das nur auf den Raum und die Technik zu schieben.
(Ralf, 23.2.18)

Sa. 03.02.18 Bikini Jesus, Plattenbau - Berlin, Schokoladen (ca. 100 Zuschauer)
Dream Pop nennt man das heute, was Bikini Jesus machen. Das ist leider überhaupt nicht meins. Leise düstere klare Wavegitarren, mit Hall und Echo und den dazu passenden Basslinien kann ich noch hören sodenn sie eine gewisse Spannung haben. Alles andere ist für mich nur noch Langeweile. Keine Variation, auch nicht in der Atmosphäre. Es bleibt gleich tranig von Anfang bis Ende. Und diese Art von Frauengesang kommt aus einem Lager um das ich immer einen weiten Bogen gemacht habe. Ich mag dem jetzt wirklich nichts absprechen. Es gibt Schlimmeres. Bestimmt sind die total nett aber ihre Musik liegt mir gar nicht. Die Bezeichnung DreamPop gibt mir dabei den Rest. Ich weiss schon, dass die Bezeichnung Kickin Ass für unsere Herangehensweise nach jetzt schon über 20 Jahren auch nicht mehr ganz korrekt ist, aber Dream Pop und Kickin Ass ... das fällt ja wohl auf, dass wir die Beine nicht unter demselben Tisch haben.
Plattenbau davor waren erstmal durchaus passabel. Ich vernahm positive Kenntnis von subversiven Tönen in ihrem DAF-Aggro-Synthie-Style, aber wie die drauf sind, konnte ich leider nicht beurteilen, da ich zu wenig davon mitbekommen habe. Prinzipiell war ihr Auftreten eher ätzender Art. Aber das muss nichts heissen. Es gibt ätzend gut und ätzend ätzend. Müsste man noch mal sehen. Sorry fürs Zuspätkommen. Ich klage meine Fehlbarkeit an.
(Ralf, 23.2.18)
Mi. 15.11.17

Kid Congo & The Pink Monkey Birds - Berlin, Urban Spree (ca. 120 Zuschauer)
Er war hübsch, er war jung, er war sympathisch, er war da: Der Chicano Brian Tristan in den späten 70ern LA's. Er konnte nichts, doch sie brachten es ihm bei. Und der Rest ist Historie. Ich hätte nicht wirklich gedacht, dass er alleine klarkommt, doch die Pink Monkey Birds sind ein hervorragende Band in ihrer zweiten Inkarnation, denn The Kid folgte seinem Lebensgefährten wegen dessen Job ans andere Ende der Staaten.
Doch auch die Ostküsten-Version der Birds funktioniert herausragend und lässt den guten Mann in seinem Draculaumhang und der Schmiere im Gesicht wunderbar dastehen. Er macht nicht viel ausser einen schlitzohrigen Entertainer zu geben, lustig und nicht aufgeblasen, aber die Songs sind abwechslungsreich und meist erlesen durcharrangiert/instrumentiert. Ein sehr schönes, unterhaltsames Konzert.
(Ralf, 15.1.18)


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Teufel